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Elektro-Dreirad fürs Quartier

Mit dem Zweisitzer sollen die Menschen an der Meinolfstraße mobil bleiben oder wieder werden. Das Vehikel ist eine Spende im Wert von fast 10.000 Euro.

Neue Westfälische, 20.12.2019, Text/Foto: Moritz Trinsch

Mitte. Auf dem Fahrrad ist Martin Homann in seinem Element. Sein verschmitztes Lachen und seine Coolness bringen neben seiner Familie auch die anderen Besucher zum Schmunzeln. Für den 84-Jährigen, der vor 32 Jahren nach einer Operation erblindete, ist es das erste Mal seit zehn Jahren, dass er auf einem Fahrrad sitzt. Zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter ist er extra aus Senne in das Quartier rund um die Meinolfstraße gekommen, um bei der Präsentation des neuen EDreiradtandems dabei zu sein. „Ich bin begeistert“, sagt Homann nach einer ersten kurzen Testrunde. Für Stefan Mielke vom Verein „Fahrräder Bewegen Bielefeld“ ist dieses Fazit genau das, was er mit dem Projekt „MITeinander Bielefel“ erreichen wollte – Menschen wieder mobil zu machen und zu halten. „Neben Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen soll das Angebot für Senioren sein, die sich nicht mehr alleine trauen aufs Rad zu steigen“, sagt Mielke. Gesponsert hat das mit 9.630 Euro zu Buche schlagende Doppeltandem die Stiftung Diamant Software. Hinzu kommen jährlich laufende Versicherungs-Kosten von 300 Euro, die durch Spenden getragen werden. Der „Pilot“, ein geschulter Fahrer, hat die Steuergewalt über das 40 Kilo schwere Gefährt. Der Beifahrer kann beim Treten unterstützen und ist durch Gurte und Armlehnen gesichert. Zusätzlich ist das Rad mit zwei Akkus ausgestattet, die es auf bis zu 25 Kilometer pro Stunde beschleunigen können. Mit dem E-Antrieb käme man zwar rund 120 Kilometer weit, erklärt „Pilot“ Reinhard Marx, wichtig sei aber zuallererst, dass man in ganz Bielefeld, egal ob am Obersee oder in Sennestadt, unterwegs sein kann. Noch sind nicht alle Details geklärt, sagt Martina Roos vom Aktivitätenszentrum der Arbeiterwohlfahrt, wo das Drei-Rad-Tandem ab Frühjahr 2020 auszuleihen ist. Ein genaues Ausleihsystem muss noch entwickelt werden. Auch weil das Rad nur von „Piloten“ gefahren werden darf, die speziell geschult wurden. „Es kann schnell passieren, dass man die Bordsteinkante mitnimmt oder sich in Kurven festfährt“, sagt Roos. Aktuell gibt es neben Marx noch sieben weitere „Piloten“. Zunächst wird es das Angebot an zwei Tagen die Woche geben. Ein weiteres E-Tandem ist ebenfalls in Planung. Hinzu kommt die ebenfalls im Frühjahr fertig werdende Sattelbar im Aktivitätszentrum. Sie dient dann als kleine Reparaturwerkstatt und wird von zwei Mitarbeitern betreut. Auch die im Quartier vorherrschende Wohnungsgemeinschaft Freie Scholle unterstützt das Projekt. Mit den rund 1.000 Wohnungen, die sie dort unterhält, fühlt sie sich ein Stück weit verpflichtet alternative Angebote zum ÖPNV zu entwickeln. „Mobilität und Wohnen gehört für die Mieter immer öfter zusammen“, sagt Schwarze. Für die Homanns ist das neue Angebot eine Bereicherung. „Er möchte gar nicht mehr runter vom Rad“, sagt Brigitte Homann. Sie hofft, dass es eine solche Fahrradstation bald in ihrem Stadtteil geben wird.

Neue Westfälische, 20.12.2019. Texte und Fotos aus der Neuen Westfälischen sind urheberrechtlich geschützt. Weiterverwendung nur mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion.